Kanzelrede am Reformationstag (31.10.) mit Altbischof Heinrich Bedford-Strohm im Rahmen der Wochen zur Demokratie und zum 55-jährigen Bestehen der Passauer Ortsgruppe von Amnesty International in der evangelischen Stadtpfarrkirche Passau. Sein Thema: „Gelebte Menschenrechte“. Er widmete seine Kanzelrede seiner Mutter Barbara, die sich 45 Jahre lang bei Amnesty International in Passau engagiert hatte. Dekan Jochen Wilde hieß die Gäste in der Passauer Citykirche willkommen. Tihomir Vrdoljak von Amnesty International moderierte das anschließende Gespräch im Evangelischen Zentrum. Kantor Ralf Albert Franz umrahmte die Veranstaltung mit beschwingten Jazz-, Gospel- und Bluesklängen am E-Piano.
In seiner Begrüßung zur Kanzelrede in der Stadtpfarrkirche stand für Dekan Jochen Wilde im Zentrum des Reformationstages 2026 die Frage: „Was können wir gemeinsam tun, um die zunehmende Erosion der Menschenrechte zu stoppen?“ Eleanor Roosevelt, die Vorsitzende der UN-Menschenrechtskommission, sagte einmal, die universellen Menschenrechte begännen im Kleinen: in der Nachbarschaft, der Schule, am Arbeitsplatz. „Wenn die Rechte hier nicht gelten, gelten sie nirgendwo.“
Gerade die Kirchen haben sich seit dem Aufbruch der Menschenrechtsbewegung im 18. Jahrhundert lange damit schwergetan. Erst seit der Gründung des Weltkirchenrats im Jahr 1948 und auf katholischer Seite in den 1960er Jahren sind, so Heinrich Bedford-Strohm in seiner Kanzelrede, „die Menschenrechte zum nicht mehr wegzudenkenden Grundbestandteil christlicher Ethik geworden“. Es sei eine späte Liebe gewesen, obwohl der Grundgedanke der Menschenwürde tiefe Wurzeln in der biblischen Überlieferung habe. Bei Menschenwürde und Menschenrecht handle es sich um etwas sehr Kostbares, das wir gerade jetzt entschiedener verteidigen müssen.
(v.l.n.r.) Dekan Jochen Wilde, Susanne Synek von Amnesty International, Altbischof Heinrich Bedford-Strohm und Johanna Sinn von den Wochen zur Demokratie.
Der Vorsitzende des Weltkirchenrates, der über 600 Millionen Christinnen und Christen aus 356 Kirchen vertritt, sieht besonders den Missbrauch des Begriffs der Menschenwürde als moralische Keule im Kampf gegen einen Gegner als gefährdend an. Als Beispiel nannte er die unterschiedliche Wahrnehmung der Menschenrechtslage der Kurden vor und mit Beginn des Ersten Golfkrieges 1990.
Neben der Gottebenbildlichkeit des Menschen sei auch die paulinische Rechtfertigungslehre eine wesentliche Wurzel für den zentralen Satz des Grundgesetztes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Die Menschenrechte heute sind die rechtliche Konsequenz des Eintretens für die Opfer von Machtmissbrauch und materieller Armut.“ Der Einsatz für die Schwachen ist zentral für den christlichen Glauben. Jesus wurde als politischer Gefangener misshandelt und grausam hingerichtet. Der Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte sei der konkrete Ausdruck der göttlichen Option für die Schwachen.
Die Natan-Parabel aus der Bibel sei eine Art Spiegel für die Herrschenden und zeige, dass sie das Recht der Armen zu schützen und zu achten haben. „Aus der Perspektive theologischer Ethik sind Menschenwürde und Menschenrechte deswegen kritischer Maßstab für jedes staatliche Handeln.“
Amnesty International sei für die Kirchen ein natürlicher Bündnispartner, wenn es um die Überwindung religiöser Verfolgung, das Anliegen der Freilassung politischer Gefangener oder die Abschaffung der Todesstrafe gehe.
Heinrich Bedford-Strohm in seinem Element im Evangelischen Zentrum. Er diskutiert leidenschaftlich gerne.
Beim anschließenden Gespräch im Evangelischen Zentrum wurde unter anderem noch leidenschaftlich über die Gefährdung unserer Demokratie durch Algorithmen und eine vergiftete Kommunikation sowie den Missbrauch des Christentums sowohl in den USA als auch in Russland diskutiert. Zum Abschluss des Abends gab Susanne Synek von Amnesty International noch einen Einblick in die praktische Arbeit der Menschenrechtsorganisation und warb für Unterstützung.
Text Hubert Mauch. Fotos: Markus Muckenschnabl/Hubert Mauch
