Der Zauber der Musik

Solistin und Dirigent
Bildrechte Dekanat/Mauch

Der evangelische Festgottesdienst im Rahmen der Festspiele Europäische Wochen in der Stadtpfarrkirche St. Matthäus war ein kirchenmusikalisches Highlight. Im Mittelpunkt standen Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy. Mitwirkende waren die Sopranistin Maria Deger, der Kammerchor und das Kammermusikensemble St. Matthäus Passau unter der Gesamtleitung von Kirchenmusikdirektor Ralf Albert Franz. Dekan Jochen Wilde gestaltete die Liturgie und hielt eine „inspirierende“ Predigt.

Schweißgebadet und überglücklich verneigte sich Ralf Albert Franz (Titelfoto, re), zusammen mit der Sopranistin Maria Deger (Foto, li) vor den Gottesdienstbesuchern in der evangelischen Stadtpfarrkirche. Der Applaus in der vollbesetzten Kirche war gewaltig und mehr als verdient. Der evangelische Festgottesdienst im Rahmen der Europäischen Wochen am Sonntag, 19. Juli, war ein kirchenmusikalisches Highlight. Zusammen mit der Predigt von Dekan Jochen Wilde war es nicht nur ein Gottesdienst, sondern, wie der Intendant der Europäischen Wochen Dr. Carsten Gerhard in seinen Dankesworten sagte, "wir erlebten gerade ein Gesamtkunstwerk“.  „Die Musik hat schon alles gesagt. Danke für den wunderbar gestalteten Gottesdienst mit einer erhellenden und inspirierenden Predigt auf musikwissenschaftlichem Niveau.“ Der darin enthaltene kulturhistorische „Impetus“ zeige die Wertschätzung für die Europäischen Wochen. Gerhard hatte im Gottesdienst auch die Lesung übernommen.

Kammerchor und Kammermusikensemble auf der Empore
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Der Kammerchor und das Kammermusikensemble werden auf der Empore von Kirchenmusikdirektor Ralf Albert Franz dirigiert.

Das Programm des Festgottesdienstes zeichnete ein kleines Portrait Mendelssohn-Bartholdys. Seine Choralkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ entfaltete aus dem bekannten Gemeindelied eine vielschichtige musikalische Auslegung von Vertrauen und Zuversicht im Glauben. Mit dem jubelnden Psalm 100 „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ und dem feierlich-ruhigen Präludium in G-Dur spannte das Programm, das noch weitere Werke Mendelssohns umfasste, einen Bogen zwischen Lobpreis, Andacht und geistlicher Sammlung.

Bereits beim Präludium brachte Ralf Albert Franz an der Orgel die erweiterte Grundtönigkeit des neu gestalteten Instruments zur Entfaltung.  Mit dem Psalm 100 befeuerte der Chor dann stimmgewaltig und erhebend das kirchenmusikalische Erlebnis, bevor die Gemeinde mit dem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten” in der Ursprungsfassung von Georg Neumark aus dem Jahr 1641 aus dem Gesangbuch an der Reihe war. In dieses Lied war die zweiteilige Predigt von Dekan Jochen Wilde eingebettet.   Im ersten Teil erstreckte sie sich über den Film „Vaya con Dios“, in dem dieses Gemeindelied eine zentrale Rolle spielt, und über den Werdegang des genialen Musikers und Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy bis hin zu dessen Lebenshaltung. Er sei „geradezu typisch un-deutsch“ gewesen. Er bereiste im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die europäischen Musikzentren und gewann laut Dekan Wilde die Erkenntnis: „Zur eigenen Identität findet man eben nicht durch Isolation und Abschottung, sondern durch Begegnung und Austausch.“

Dekan Jochen Wilde am Rednerpult der Stadtpfarrkirche bei seiner Predigt.
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Dekan Jochen Wilde predigt zu Felix Mendelssohn Bartholdy’s „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

Im zweiten der Teil der Predigt führte Dekan Wilde die Gottesdienstbesucher inhaltlich durch die vier Sätze der Kantate „Wer nun den lieben Gott lässt walten“ und erläuterte die musikalische Umsetzung des tiefgläubigen Protestanten Mendelssohn Bartholdy. „Mendelssohn ist singende und klingende Gnade, er nimmt uns hinein in den Wärmestrom christlicher Hoffnung!“ Wilde sprach aber auch den Kulturkampf damals und heute an. Der europaweit gefeierte Musiker hatte mit antisemitischen Ressentiments zu kämpfen, wurde auch noch nach seinem Tod verfemt und wurde selbst in der Nachkriegszeit ignoriert. Leider sei der Kulturkampf heute schon wieder in vollem Gange: Es „schwadronieren populistische Kulturbanausen von patriotischer Kulturpolitik, die zur deutschen Identitätsfindung beitragen soll. Wir alle sind aufgefordert, uns dem mit aller Klarheit zu widersetzen!“

Die musikalische Darbietung der im Zentrum des Festgottesdienstes stehenden Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Felix Mendelssohn Bartholdy durch Chor, Kammermusikensemble und Solistin war ergreifend. Besonders die Sopranistin Maria Deger glänzte in der Arie mit ihrer ausdrucksstarken und nuancenreichen Stimme. Außergewöhnlich gut war auch die Textverständlichkeit sowohl von Solistin und Chor.

Gruppenfoto
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„Die Musik hat schon alles gesagt“, lobte Dr. Carsten Gerhard (li). Fast alles: mit Sonnenblumen drückte er seinen Dank an Maria Deger (2.v.li), Ralf Albert Franz (3.v.li) und Dekan Jochen Wilde (re) aus. Mit dabei die 1. Vorsitzende des Vereins Festspiele Europäischen Wochen, Rosemarie Weber (4.v.li)

Der Festgottesdienst endete mit zwei kurzen Werken von Mendelssohn Bartholdy: Der Chor sang vielstimmig und leicht „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und Ralf Albert Franz spielte feierlich und erhebend „Andante alla marcia“ an der Orgel.

Sowohl bei der Musik als auch bei der Predigt erlebte man eine konzentrierte und gespannte Zuhörerschaft. Der EW-Festgottesdienst war insgesamt stimmig, rund und ein Highlight. Beim anschließenden Kirchenkaffee zum Gedankenaustausch gab es angeregte Gespräche und überschwängliches Lob.
Text und Fotos: Hubert Mauch