Der weiße Elefant

Redner Ralf Frisch am Pult und Dekan Wilde sitzend
Bildrechte Dekanat/Mauch

Dekanatskonferenz mit  Ralf Frisch, Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg (li), zu seinem Vorwurf der „Gottvergessenheit“ in der evangelischen Kirche. Dekan Jochen Wilde (re) hört gespannt zu.

„Er ist ein Theologieprofessor, der polarisiert und gelegentlich als Krawalltheologe bezeichnet wird.“ So stellte Dekan Jochen Wilde in seiner Begrüßung den Referenten der Dekanatskonferenz Ralf Frisch am Montag, 21. September im Evangelischen Zentrum vor. Der leidenschaftliche Theologe, der viele Jahre lang theologischer Berater der Evangelischen Landessynode in Bayern war, werfe seiner Kirche „Gottesverleugnung“ vor. Sie vernachlässige immer öfter nicht nur ihre verbliebenen Mitglieder, sondern auch Gott. Mit seiner „Kirchenkritik aus Liebe“ habe er große Zustimmung, aber auch heftigen Widerspruch erfahren. Die Dekanatskonferenz stand unter dem Thema „Wege aus der Gottesvergessenheit - Theologie für die Zukunft der evangelischen Kirche“. 

"Ich habe genug Eigensinn in mir", bekannte Theologieprofessor Frisch gleich zu Beginn seines Vortrags. Er wolle die Dinge zu Ende denken, andere dazu locken und diskutieren. „Diskurse anstoßen, da fühle ich mich in meinem Element.“ Mit dem Begriff „Gottesvergessenheit“ wirft Frisch der evangelischen Kirche und Theologie vor, die eigentliche Rede von Gott und der Transzendenz aus dem Blick verloren zu haben, um in der säkularen Gesellschaft anschlussfähig zu bleiben. Durch Selbstsäkularisierung glaube die Kirche, eine Zukunft zu haben. Dabei werde die Nichterkennbarkeit kultiviert und nicht mehr von Gott geredet. Die Kommunikation beschränke sich auf eine sozial-ethisch-moralische Kommunikation. Theologie werde zu Ethik. Dies sei jedoch nicht die Lösung, sondern das Problem. „Man kann wunderbar sozial-ethisch sein ohne Gott.“ Wenn der Unterschied zwischen Kirche und Nichtkirche verschwinde, stelle sich die Frage: „Warum soll ein Mensch des 21. Jahrhunderts noch Mitglied der Kirche sein?“

Der große weiße Elefant im reformatorischen Raum sei die Gretchenfrage: „Glaubst du an Gott?“ Religion ist bestenfalls noch ein subjektiver Gemütszustand, stellte Professor Frisch fest. Das Geheimnis des Glaubens wurde abgeschafft. Die wahre Theodizee-Frage sei inzwischen „Warum sind wir nicht Götter?“ Der große Menschheitstraum ist die Gottwerdung des Menschen. 

In fünf Kleingruppen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten wie Gottvergessenheit, Selbstsäkularisierung, Moralismus, Zu-Tode-Übersetzung und Minderwertigkeitskomplex befassten, gingen die Konferenzteilnemer:innen der Frage nach: Was weckt uns aus der theologischen Selbstanästhesierung? 

Die „Gegengifte“ die Theologieprofessor Frisch selbst dazu vorschlug sind eine Rückbesinnung auf die radikale Nachfrage nach Gott. Er forderte den Mut zu haben, „gelassen und trotzig Gott in den Raum zu stellen“, „den Unterschied zu machen, der den Unterschied macht!“, „auf illusionäre Imperative zu verzichten, die das Handeln des Menschen über das Handeln Gottes oder anstelle des Handelns Gottes stellen!“, „der Versuchung der Niederschwelligkeit und der Wartezimmerzeitschriftentheologie zu widerstehen!“, und „zur Mission statt Mimesis mit dem Nichtchristlichen! Nach dem Motto: Kommen Sie zu uns! Wir haben nichts!“ Nur dann habe die Kirche eine Zukunft und letztlich etwas zu geben.
Text und Foto: Hubert Mauch