Das Wunder von Bad Füssing

Orchester, Chor und Solisten im Kantantengottesdienst
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Bis auf den letzten Platz ist die Christuskirche in Bad Füssing gefüllt. Es ist ein besonderer Gottesdienst, der am Sonntag, dem 18. Oktober, sowohl Einheimische als auch Kurgäste und lokale Prominente in die evangelische Kurkirche führt.

Karin Wisgalla greift in die Tasten der Sandtner-Orgel und spielt das Präludium in A-Dur von Johann Sebastian Bach. Die erhebende Festlichkeit der Orgelklänge erfüllt das Gotteshaus und legt sich nieder in die Herzen der Besucher. Seit 1986 ist sie nebenamtliche Organistin in der evangelischen Kirchengemeinde Bad Füssing und unterstützt als Korrepetitorin die Chorarbeit des „Bad Füssinger Kantatenchors“.

1986 hatte sie auch ihren Ehemann Jürgen Wisgalla aus dem Fränkischen mit im Gepäck und auch er hat Anlass zum Feiern. Seit 40 Jahren leitet er hauptamtlich als Kantor, und wenig später als Dekanatskantor die kirchenmusikalischen Geschicke im Kurort Bad Füssing. Sein berufliches Wirken ist zu umfangreich, um es hier wiederzugegeben. Zusammen mit den Kurpfarrern hat er einige ungewöhnliche Gottesdienstformate entwickelt und mit anderen Musiker:innen rechts und links des Inns zahlreiche Klangkörper gegründet und aufgebaut: „Bad Füssinger Kantatenchor“, „Band der Christuskirche“, „Orchester der Christuskirche“, „Bad Füssinger Blechbläser“, „Bad Füssinger Trompetenensemble“. Herauszuheben ist außerdem seine Arbeit als Arrangeur und Komponist. Zahlreiche Gottesdienstmusiken und drei Kantaten wurden von ihm uraufgeführt. Für seine Verdienste um die Kirchenmusik erhielt er 2009 den Titel „Kirchenmusikdirektor“, wurde 2017 mit dem Kulturpreis des Landkreises ausgezeichnet und 2020 Hauptpreisträger der „Stiftung Bücher-Dieckmeyer zur Pflege der Kirchenmusik in Bayern“.

Das 40-jährige Dienstjubiläum wurde in einem Kantatengottesdienst gefeiert – wie könnte es anders sein – mit Bach.  Im Zentrum stand die Kantate „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ für Soli, Chor und Orchester.

Jürgen Wisgalla beim Dirigieren
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Ganz in seinem Element dirigierte Wisgalla nicht nur Chor, Orchester und Orgel bei den Gottesdienstliedern, sondern brachte mit seinem Dirigentenstab auch den Gesang der Gemeinde in Schwung.

Böse Menschen haben keine Lieder. Dieses Sprichwort sei leider nicht wahr, sagte Pfarrer Joachim von Kölichen in seiner Predigt. Böse Menschen und Regime setzten auf Musik, um andere Menschen zu beherrschen und zu beeinflussen. „Musik ist ein wesentlicher Teil von Propaganda in Diktaturen.“ Ihr Missbrauch sei allerdings moralisch geächtet, während gemeinsames Singen ausgesprochen positiv bewertet werde. Musik stifte „gemeinsame Identität durch das gemeinsame Handeln, selbst wenn es Zuhören ist…“. Sie schaffe das „wir und sie“ ab und überwinde „Grenzen, Sprachen, Kulturen, Religionen und Überzeugungen“.

Pfarrer v. Kölichen mit Mikrofon und Karin und Jürgen Wisgalla
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Pfarrer Joachim von Kölichen (li) moderiert das Dienstjubiläum von Karin (Mitte) und Jürgen (re) Wisgalla im Gemeindesaal der Christuskirche.

Im Singen sei laut von Kölichen alles enthalten, was das Verhältnis von Menschen zu Gott und von Mensch zu Mensch ausmacht. Es sei ein Geschenk, das zum Mitmachen einlädt. „…die Musik erfordert aktive Initiative zum Singen wie auch aktives Hören aufeinander und sich selber, ist also nicht beliebig, nichts anderes versuchen Karin und Jürgen Wisgalla uns und ihren Schülern seit 40 Jahren beizubringen…“

Warum kann Musik überhaupt oder trotzdem missbraucht werden? Es liege an den Sekundärtugenden. Denn sie seien das, was von uns im Leben sichtbar werde. „Freundlichkeit wie auch Freundschaft verlangt eben auch manchmal klare, kritische, scharfe Töne. Demut hat sich dem Hochmut und der Eitelkeit entgegenzustellen. Und Erbarmen zeigt sich auch darin, dass man furchtlos Böses benennt und sichtbar macht.“

Gruppenfoto mit den Solisten und den Jubilaren
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Die Gesangssolisten (v.l.n.r.) waren Dr. Bernhard Forster, Mario Friedrich Eckmüller, Cornelia Klüter, Elisabeth Wimmer. Kirchenmusikdirektor Jürgen Wisgalla hatte die Gesamtleitung inne und Karin Wisgalla saß an der Orgel.

Das musikalische Highlight des Gottesdienstes war die Kantate „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Sie ist eines der bekanntesten und am häufigsten gesungenen deutschen Kirchenlieder. Johann Sebastian Bach komponierte im Jahr 1725 auf Basis dieses berühmten Kirchenliedes eine gleichnamige, festliche Kantate. Das Werk nimmt eine besondere Stellung in Bachs Schaffen ein, da es sich um eine reine Choralkantate handelt. Hervorzuheben sind neben den Wisgallas an Orgel und Dirigentenpult, die Solist:innen gleichermaßen, die den Kantatengottesdienst zu einem Erlebnis machten: Cornelia Klüter glänzte mit ihrer kräftigen und warmen Altstimme, Sopranistin Elisabeth Wimmer, die eigens aus Wien angereist war, überzeugte mit ihrer leichten und lebhaften Sopranstimme im Duett mit Bernhard Forster, der seiner tiefen und starken Bassstimme begeisterte. Tenor Mario Friedrich Eckmüller beendete den Solistenreigen mit seiner tragenden und hohen Gesangsstimme. Nicht weniger hervorragend waren der Bad Füssinger Kantatenchor und das Orchester der Christuskirche.

Die Wigallas mit den Grußwortredner:innen
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Gute Laune beim Empfang: Die Dienstjubilare Karin und Jürgen Wisgalla umringt von (v.l.n.r.) Pfarrer Joachim von Kölichen, Bürgermeister Florian Meier, Kur- und Tourismusmanagerin Daniela Leipelt, Kurseelsorgerin Maria Müller und Vertrauensfrau Dr. Claudia Stadelmann-Laski.

Beim anschließenden Empfang zum 40. Dienstjubiläum im Gemeindesaal gab es eine Reihe von lobenden Grußworten und Geschenken. Bad Füssings Kur- und Tourismusmanagerin Daniela Leipelt hob das musikalische Können und das große Engagement, vermengt mit „viel Herz für Einheimische und Gäste“ von Karin und Jürgen Wisgalla hervor. „Wer 40 Jahre lang das musikalische Leben eines Kurorts mitgestaltet, hinterlässt klangvolle Spuren…“  Es sei ein offenes, verlässliches und herzliches Miteinander entstanden. „Über die Jahre ist eine wertvolle Partnerschaft entstanden.“

Kurseelsorgerin Maria Müller von der benachbarten katholischen Heilig-Geist-Kirche bezeichnete die beiden als „Kristallisationspunkt“. In ihrem Grußwort betonte sie die „freundliche, freundschaftliche, leichte und unkomplizierte Zusammenarbeit“.

Jürgen Wisgalla dirigiert einen Kanon im Gemeindesaal
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Immer in Action: Jürgen Wisagalla dirigiert den zu seinen und den Ehren seiner Frau Karin intonierten Kanon „Himmel und Erden müssen vergehen“.

Für den Kirchenvorstand der Christuskirche ergriff die Vertrauensfrau Dr. Claudia Stadelmann-Laski das Wort. Vier Jahrzehnte im Dienst der evangelischen Kirchenmusik seien nicht nur eine bewundernswerte Lebensleistung, sondern „grenzt nach protestantischem Verständnis schon fast an ein echtes, amtlich verbrieftes Wunder. Und „Egal, wie schief die Töne von den Kirchenbänken auch kamen: ihr habt uns treu geleitet und an der Orgel geschwitzt, um uns den Weg zum richtigen Ton zu zeigen.“ Neben den Orgelpfeifen hätten Karin und Jürgen Wisgalla vor allem die Herzen der Menschen zum Klingen gebracht.

Familie Wisgalla
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Das „kirchenmusikalische Familienunternehmen“ Wisgalla.

Das letzte Wort vor der Eröffnung des Buffets hatte Jürgen Wisgalla. Er bedankte sich für „so viel Wertschätzung“ und bekannte, dass er ohne die vielen Musiker:innen aus dem Dekanat Passau und aus Oberösterreich aufgeschmissen gewesen wäre. Sein Dank ging auch an die eigene Familie: „Wir waren sehr oft ein ‚kleines kirchenmusikalisches Familienunternehmen‘“. Ein ganz besonderer Dank ging an seine Frau Karin. „Ohne deine oftmals stille, tatkräftige, professionelle, korrigierende Unterstützung wäre die Kirchenmusik in der Kirchengemeinde Bad Füssing nicht das, was sie geworden ist und hoffentlich noch eine Weile bleiben wird.“ Er kündigte jedoch auch an, dass er sich ruhestandsbedingt 2028 aus der hauptamtlichen Arbeit als Kirchenmusiker zurückziehen und sich ein Jahr raushalten werde. Wenn da nicht ein kleiner Hoffnungsschimmer aufblitzt?
Text und Fotos: Hubert Mauch