Angehörige, Freund:innen, Weggefährten, Kolleg:innen und die Kirchengemeinde, nahmen am Dienstag, 6. Oktober, in der vollbesetzten und noch mit den Erntedankgaben dekorierten Christuskirche in Grafenau Abschied von der Pfarrerin mit dem ansteckenden Lachen.
„Der Tod von Pfarrerin Sonja Schuster hat viele Menschen traurig gemacht. Wir sind entsetzt! Wir sind erschüttert und zutiefst betrübt!“ sagte Dekan Jochen Wilde, der zusammen mit Pfarrer Thomas Weinmair, „Es fühlt sich unwirklich an“, den Trauergottesdienst in der evangelischen Christuskirche Grafenau gestaltete. „Ich gehe jetzt in die Stille“ – waren ihre letzten Worte, bevor sie am Montag, 28. September wenige Tage vor ihrem 58. Geburtstag starb. „Die Stille ist der Ort, wo wir Gott begegnen können“ habe sie einmal in einer Selbstreflexion geschrieben.
Vor rund eineinhalb Jahren wurde bei Pfarrerin Schuster Lungenkrebs diagnostiziert. Davon habe sie sich aber nicht unterkriegen lassen, sondern sich mit „Gottvertrauen und der Unterstützung ihrer Familie, vor allem ihres Ehemannes“ zur Wehr gesetzt. Noch vor vier oder fünf Wochen sei sie zuversichtlich gewesen, sagte Dekan Wilde in seiner Ansprache. Erst in den letzten Tagen habe sie gespürt, loslassen zu müssen. Neben ihrem Ehemann Jan Maschmeyer-Schuster hinterlässt sie vier Kinder: Valerie, Ferdinand, Veronika und den Pflegesohn Alman.
Nach dem Lehrvikariat in Altötting, dann als Pfarrerin zur Anstellung in Wasserburg am Inn wurde ihr 2007 die Pfarrstelle Grafenau verliehen. “Ein Glücksfall für beide Seiten!“ betonte Dekan Wilde. Der große Zusammenhalt sei ihm in den vergangenen eineinhalb Jahren deutlich geworden. „Es war für mich bewegend und berührend, wie intensiv die Gemeinde mit Sonja Schuster gebangt, gelitten und bis zuletzt auch gehofft hat!“
Über 19 Jahre hatte Sonja Schuster die Pfarrstelle Grafenau inne. Neben der klassischen Gemeindearbeit war sie einige Jahre als Schulreferentin und in der Tourismus- und Gästearbeit tätig, leitete den Religionspädagogischen Arbeitskreis und organisierte die Dekanatsaufbautage. Darüber hinaus war sie Mitglied in der Dekanatssynode, im Dekanatsausschuss und im Bauausschuss des Dekanatsausschusses. „Sie engagierte sich energisch im Dekanatsausschuss für ihre Region, für die extreme Diaspora im Bayerischen Wald…“ Ihr Herz schlug für die Menschen, egal woher sie kamen. Sie sei überzeugt gewesen, dass Zugezogene und geflüchtete Menschen für den Bayerischen Wald eine große Chance sind. Das erkläre auch ihren Einsatz für Asylsuchende und ihr entschiedenes Nein gegen Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit.
Dekan Wilde beschrieb die Verstorbene als einen Menschen ausgestattet mit Humor, Großzügigkeit und Gottvertrauen. „‘Die Stille ist der Ort, wo wir Gott begegnen können.‘ Möge nun wahr werden, was Sonja Schuster gedacht, geglaubt und wohl an manchem offenen Grab auch voller Vertrauen gesagt hat… Möge sie dort in der Stille nun ihrem Gott begegnen!“
Im Anschluss an die Trauerfeier gab es Worte der Erinnerung von Vertrauenspfarrerin Sabine Hofer für das Dekanatskapitel, dem katholischen Kollegen Stadtpfarrer Martin Dengler, dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Grafenau Franz-Josef Bloier und dem Vertrauensmann des Kirchenvorstands Werner Kirchner.
Text und Foto: Hubert Mauch
Nachruf für Sonja Schuster bei der Trauerfeier am 06. 10. 2026 Christuskirche Grafenau
Von Pfarrerin Sabine Hofer, Seniorin (Vertrauenspfarrerin) des Dekanatskapitels Passau
Sonja.
Ich erinnere mich an ihr sonniges Wesen. Ich höre noch ihr Lachen, ihre fröhliche Stimme. Ihre gute Gesangsstimme. Im Chor Vocabile hat sie gesungen. Liturgiesingen hat man sie gerne gehört.
Mutig und widerständig. Sowohl in unseren Konferenzen hat sie sich klar geäußert und kein Blatt vor den Mund genommen. Als auch im gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Im Dekanatsausschuss für ihre Bayerwaldgemeinde gekämpft und immer wieder ins Bewusstsein gerufen, dass die evangelischen Menschen dort nicht übersehen werden und dass es einfach schön ist im Wald. So liebte sie sowohl die Urlauberseelsorge mit spirituellen, oft ökumenischen Angeboten im Wald. Aber auch die Konfis schickte sie in die Natur auf die Moldau zum Paddeln. Bis zuletzt war das eine Leidenschaft von ihr, die sie gerne weiter geplant hätte.
Sicher auch aufgrund ihrer Widerständigkeit wurde sie zur Vertreterin im PfarrerInnenverein gewählt. Wir vertrauten darauf, dass sie unsere Stimme dort war. Sonja war authentisch und hat nicht lange hinterm Berg gehalten mit dem, wie und was sie gedacht hat.
Loyal hat sie die Regionalgruppe geleitet und sich zuverlässig als Vertretung zur Verfügung gestellt. Es tut gut, eine Kollegin zu haben, auf deren Wort man sich verlassen kann. Als Schulpfarrerin war sie beliebt und hat jungen Menschen den Glauben vertraut gemacht. Für den Religionsunterricht vertrat sie als Schulbreferentin vehement die evangelischen Interessen.
Ihre Leidenschaft für schwache Menschen prägte ihre Tätigkeiten. Ihre Predigten waren nahe bei den Menschen. Gerade auch wenn das hieß, sich politisch zu positionieren. Eine bunte Welt mit Respekt und ohne Vorbehalte, das strahlte sie selbst aus. Ich erinnere mich an ihre engagierte Einladung zu einer Veranstaltung für die Demokratie. Aber auch ihre Liebe für das Thema Dietrich Bonhoeffer. Neue Kollegen im Dekanat und ihre Gemeinden haben sie kennengelernt bei Führungen in Schönberg und Themen zu Bonhoeffer.
Als sie Menschen in Not sah, war ihr Herz berührt. Gleichzeitig kam sie umgehend ins Handeln, hat überlegt, wie man helfen kann und nicht lange gezögert. Auf diese Weise hat sie sich insbesondere der Geflüchteten angenommen. Wir spürten ihre Leidenschaft, wenn sie davon erzählte und mutig und voller Hoffnung von ihrem Pflegesohn sprach. Sie war zuerst Mama der eigenen Familie. Aber auch besonders für geflüchtete Menschen, die sie persönlich begleitet hat und für die sie sich eingesetzt hat. Uns Kolleg*innen drängt sich das Bild auf: Sie ist Mama der Gemeinde gewesen. Man hat sich in ihrer Nähe sicher gefühlt und ihrer Stärke vertraut. Eine familiäre Gemeinde hier in Grafenau, die sich wohl noch nicht vorstellen kann, dass ihre Pfarrerin Sonja Schuster doch nicht wieder kommt. Wir alle vermissen sie schmerzlich.
Ich hatte immer schon so gewartet, dass ihr Platz in der Dekanatskonferenz wieder gefüllt ist mit ihrer kritischen Fröhlichkeit und ihrer „Dennoch-Zuversicht“ : Man musste in ihrer Gegenwart nicht perfekt sein. Sie selbst konnte über sich lachen, wenn mal alles nicht so perfekt war. Als Mensch angenommen sein. Sie hat es gelebt, was sie verkündigt hat: Gottes großzügige Liebe zu den Menschen.
Kreativ, musikalisch, mutig, wortgewandt all diese Eigenschaften machten sie zu einer großartigen Persönlichkeit und Pfarrerin. Nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes lebte sie. Diese Kraft Gottes ist auch in ihrem Mann Jan, der sie so unermüdlich unterstützt hat und das Gemeindeleben im Hintergrund lebendig gehalten hat. Ein wunderbares Tandem, wenn auch die sonnige Sonja meist ganz vorne stand. So geht heute unser Dank an Gott, dass wir beide zusammen erlebt haben, dass ihr beide in die Gemeinde so unermüdlich viel Kraft gesteckt habt.
Meine letzte Begegnung mit Pfarrerin Sonja Schuster war der Gottesdienst zu ihrer Beurteilung. Als Vertrauenspfarrerin begleite ich die Kolleginnen bei ihren Beurteilungsvorgängen. Ich kann heute nicht umhin, Sonja Schusters Worte aus der damaligen Predigt zu zitieren:
„Nutze deine Augen und sieh hin.
Diese Aufforderung soll mich heute am Sonntag Okuli begleiten.
Natürlich gehe auch ich heute dabei das Risiko ein, einmal falsch zu liegen. Oder nicht die richtigen Worte zu finden. Vielleicht auch unverschuldet anzuecken . Gerade dann, wenn alle anderen wegsehen.
Aber da darf ich wieder auf die Worte Jeremias und seinen festen Glauben vertrauen. Jeremia sagt: Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held. Diese Ermutigung begleitet mich.
Mein Konfirmationsspruch hieß einst: Sei stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Ich habe mir den nicht selbst ausgesucht, sondern es war eine gute Fügung an der meine Faulheit nicht unschuldig war. Dieser Spruch aber hat mir schon oft Mut verliehen. Denn es geht nicht um unseren Heldenmut. Der ist vielleicht nicht so ausgeprägt. Auch nicht unsere Stärke und unsere Kraft. Sondern Gott ist der starke Held, unser Beistand. In seiner Kraft liegt unsere. Wir sind getragen.
Er ist der, der Mensch wurde und einen Heldenmut bewies. Er ist der, der letztlich den Tod überwand. Er ist der, der einst Propheten wettern ließ und sie doch beschützte vor ihren Widersachern. Er wird das bei uns auch können. Ich denke dabei nicht zuletzt auch an all die mutigen Männer und Frauen, die in viel schwierigeren Zeiten die Augen offengehalten haben und Missstände benannten. Manche haben mit dem Leben bezahlt. Gottes Stärke und Kraft hat sich in ihnen gezeigt und sie nicht im Leben, aber über den Tod hinaus bewahrt. … So können wir uns ein wenig von Gott schubsen lassen und sehenden Blicks durch die Welt und diese Passionszeit gehen.
Und so wollen wir jetzt das tun, das Jeremia am Ende dieses Predigtabschnitts anregt. Er sagt: „Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet! – Es gibt da ein Lied im Gesangbuch das diese Zuversicht thematisiert… Ist Gott für mich… Amen“
(Predigt von Sonja Schuster gehalten am 23. März 2025 am Sonntag Okuli in Schönberg und Grafenau)
1) Ist Gott für mich, so trete
gleich alles wider mich!
So oft ich ruf und bete,
weicht alles hinter sich.
Hab ich das Haupt zum Freunde
und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde
und Widersacher Rott?
2) Nun weiß und glaub ich feste,
ich rühm’s auch ohne Scheu,
dass Gott, der Höchst und Beste,
mein Freund und Vater sei
und dass in allen Fällen
er mir zur Rechten steh
und dämpfe Sturm und Wellen
und was mir bringet Weh.
6) Nichts, nichts kann mich verdammen,
nichts nimmt mir meinen Mut;
die Höll und ihre Flammen
löscht meines Heilands Blut.
Kein Urteil mich erschrecket,
kein Unheil mich betrübt,
weil mich mit Flügeln decket
mein Heiland, der mich liebt.
7) Sein Geist wohnt mir im Herzen,
regiert mir meinen Sinn,
vertreibet Sorg und Schmerzen,
nimmt allen Kummer hin,
gibt Segen und Gedeihen
dem, was er in mir schafft,
hilft mir das Abba schreien
aus aller meiner Kraft.
(Lied EG 351: Ist Gott für mich so trete gleich alles wider mich; zu Römer 8, 31-39)
Sonja hat uns im Nachgespräch zum Gottesdienst erzählt, wie abenteuerlich ihre Anreise durch Dunkelheit im Nebel war zum Vorstellungsgespräch beim Kirchenvorstand und wir haben gespürt, wie gern sie die Gemeinde hier hatte und wie überzeugt sie war, dort ihren Platz zu haben. Sonjas Platz hat Gott nun frei gemacht. Warum, verstehen wir nicht. Dennoch wollen wir ihm in den Ohren liegen, dass er uns weiter begleitet und hält:
Die Losung für heute lautet:
Lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich! (Psalm 25,20)
Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben. (Johannes 14,19)
(aus den Herrnhuter Losungen 2026 für den 6. 10. 2026)
Ich möchte euch ein Zeichen mitgeben. Die Sonnenblume wie sie hier auf dem Altar steht, blüht und strahlt. Wenn sie verblüht ist, bilden sich Samenkörner, fallen in die Erde und bringen neues Leben hervor. Sonja hat viel gesät, ihr dürft manches davon schon jetzt ernten und werdet euch freuen, was alles noch aufgehen wird.
Bleibt mit ihr verbunden und in Gottes Liebe geborgen!
Friede sei mit euch!
