Kreisel oder Glöckchen - Gratwanderung RLKE

Dekanatskonferenz unter der Leitung von Dekan Wilde und den beiden Referent:innen
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Sie fragen sich, was RLKE bedeutet?  So erging es auch der ein oder dem anderen in der Dekanatskonferenz am Montag, 18. Mai. Dabei wird RLKE immer wichtiger und ist die Abkürzung für Regiolokale Kirchenentwicklung. Es war das Schwerpunktthema der monatlich stattfindenden Konferenz im Evangelischen Zentrum Passau mit der Sozialwissenschaftlerin Maike Ritzer und Pfarrer Bernhard Schröder vom Institut zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK). Beide forschen zum Großthema Kirche und regiolokale Kirche.  (v.l.n.r.) Die Referent:innen Maike Ritzer und Bernhard Schröder vom IMK. Dekan Jochen Wilde konnte wegen eines weiteren Termins den Ausführungen der beiden nicht bis Konferenzende folgen.

RLKE ist kein beliebtes, aber notwendiges Thema, mit dem sich nicht nur die Pfarrer:innen, sondern auch die Gemeinden auseinandersetzen müssen. Weniger Kirchenmitglieder, Personalmangel und geringere finanzielle Möglichkeiten zwingen die Kirche dazu. Die kirchlichen Strukturen und das gemeindliche Leben werden sich grundlegend verändern. „Aber wie kann Kirche angesichts dieser Veränderungen ihrem Auftrag treu bleiben“ wird Maike Ritzer in der Einladung zur Konferenz zitiert. „Regiolokale Kirchenentwicklung (RLKE) ist nicht ‚Greenwashing‘ von klassischer Regionalisierung. RLKE ist vielmehr der anspruchsvolle Versuch, selbsttätige lokale Glaubensgemeinschaften in regionaler Vernetzung und Assistenz zu etablieren.“

Die Regiolokale Entwicklung im Dekanatsbezirk Passau ist bereits im Gange. Die Geschwindigkeiten sind unterschiedlich. Das wurde in der Fragerunde zu Beginn der Dekanatskonferenz zu den Erfahrungen in den Gemeinden deutlich. Es gibt bereits viele Formen der regionalen Zusammenarbeit: Predigtreihen, gemeinsame Gottesdienste, Konfirmandenarbeit, Jugendarbeit, das Tauffest, die Aktion „einfach heiraten“, bei Vakanzen, oder die Erstellung von Gemeindebriefen sowie thematische Kooperationen. Allerdings wurde auch deutlich, dass eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist, was kommen wird. Vieles passiert zeitgleich und bedingt sich gegenseitig.

Wie denken wir? Dies war das Thema eines kurzen Impulsreferats von Maike Ritzer. Dabei stellte sie die beiden unterschiedlichen Denkformen des Menschen vor: das schnelle, intuitive und automatische Denken, sowie das langsamere, analytische und bewusste Denken. Beides habe ihre Berechtigung. Es sei jedoch wichtig, sich dessen bewusst zu machen, um Reaktionen auf Veränderungen und Entscheidungen nicht nur verstehen und einordnen zu können, sondern auch Antworten auf schwierige Fragen zu finden. Inwieweit prägt uns dabei das innere Modell von Kirche der letzten Jahrhunderte bei unseren heutigen Entscheidungen? 

Kleingruppe bei der Arbeit
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In Kleingruppen wurde eine Vielzahl von Hoffnungssätzen erarbeitet. Der stellvertretende Dekan  Johannes Keller (li) notiert die Ergebnbisse.

Mit der vielfältigen Knappheit müssen wir umgehen machte Bernhard Schröder in seinem Referat über die Grundlagen, Haltungen und Anwendungen der regiolokalen Kirchenentwicklung deutlich. Der knappen Zeit geschuldet wagte er einen Schnelldurchlauf. Dabei verwies er auf die Kirchenstruktur des Geheimprotestantismus in Oberösterreich. Damals hatten die Gemeindemitglieder nur kleine Glöckchen, das „heimliche Geläut“. Eine minimale Kirchenstruktur die funktionierte. „Eine regelmäßige Versammlung um Christus, eine Gemeinschaft die Formen findet Gottes Wort zu hören und miteinander zu teilen. Öffentlich, zugänglich, bescheiden, tapfer.“ Glaube braucht soziale Abstützung. Er machte aber auch deutlich, dass die Gemeinde verschwinden wird, wenn wir so weitermachen, sich Kirche wie ein Kreisel um sich selbst dreht und nur noch verzweifelt nach ihrem Überleben fragt. Jetzt können wir noch gestalten. Das ist besser, als überrollt zu werden.

Wie „regiolokal“ aussehen könnte, beschrieb Maike Ritzer an Beispielen. Es sei eine Gratwanderung zwischen zwei Sackgassen. Dem „Kirchturm-Egoismus“ und der „strukturbezogenen Regionalisierung“, der Schrumpfung und der Dehnung. Dabei sei die innere Haltung entscheidend. Der Weg dorthin führe über den Aufbau von Vertrauen, freiwilliger Kooperationen, der Ergänzung statt eines Vollprogramms, die Profilbildung, der regionalen Vielfalt selbstständiger Gemeinden, und einem kirchlichen Schengen-Raum.

Der stellvertretende Dekan Johannes Keller, der im Laufe der Konferenz die Leitung von Dekan Wilde übernahm, fasste „regiolokal“ in der lebhaften Diskussion ganz praktisch so zusammen. "Die Regionalgemeinde ist im ersten Moment eine Verwaltungsstruktur. Die Hauptamtlichen werden künftig nicht mehr einer Ortsgemeinde, sondern der Regionalgemeinde zugeordnet. In der Regionalgemeinde arbeitet dann ein Team mit unterschiedlichen Professionen, um die Aufgaben zu bündeln und gleichzeitig bei zusehendem Mangel an Pfarrpersonen andere Berufsgruppen ansprechen zu können. Dann müssen eben nicht mehr vier Pfarrerinnen und Pfarrer Verwaltung machen, sondern es könnte einen Geschäftsführer geben, der hier theologisches Personal frei hält für Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge. Die Veranstaltungen finden vor Ort statt, werden aber mehr und mehr in der Region gemeinsam geplant. Je nach Größe einer Regionalgemeinde kann es in dieser dann natürlich verschiedene Räume der Zusammenarbeit geben. In der Diaspora machen besonders die Distanzen nötig, dass man zwar zusammenfasst, was z.B. in der Verwaltung problemlos überall gemacht werden kann, aber Gottesdienst und Gemeindeleben erreichbar bleibt."

Am Ende standen jedoch Hoffnungssätze, die in Kleingruppen erarbeitet wurden, sowie die Idee, statt drei nur eine dekanatsweite Regionalgemeinde zu bilden.

Text und Fotos: Hubert Mauch