Alles soll neu werden? Warum? Muss denn immer alles anders werden? Ich spüre erst mal Widerstand, wenn ich solche Worte höre. Ich sehne mich eher nach dem, was vertraut ist. Nach vertrauten Wegen, die ich kenne, nach einer Kirche, wie sie mir früher Heimat war. Das Neue bereitet mir eher Sorge. Es klingt doch sehr nach Bruch mit dem, was mir lieb und teuer war. Und vielen anderen auch. Oft denke ich: Früher war vieles einfacher. Man wusste, wie man lebt, was einem Halt gibt. Mir wäre es viel lieber, wenn alles so bliebe, wie es ist. Oder noch besser: Wie es früher einmal war. Überschaubar und einigermaßen berechenbar.
Zugleich weiß ich natürlich, dass das nicht realistisch ist. Nichts bleibt, wie es war. Die Zeit fließt weiter. Und in der heutigen, durchaus etwas verrückten Zeit scheint dann alles noch viel mehr im Fluss zu sein als ohnehin schon. Die Dinge verändern sich rasant und sie werden verändert. Oft genug von Größeren und Mächtigeren. Alles wird anders, ob ich will, oder nicht. Wirklich entziehen kann man sich dem auf Dauer nicht.
Unter diesen, leider realistischen Bedingungen liest sich die Zusage Gottes ganz anders. Wenn sich ohnehin schon alles verändert – durch den Lauf der Dinge und das Treiben mächtiger menschlicher Akteure. Dann ist es doch gut, dass die eigentliche, die wirkliche Erneuerung nicht von jenen Kräften ausgeht, sondern von Gott.
Gottes Sein ist im Werden. Das klingt vielleicht ungewohnt. Wir denken ja oft: Gott muss doch fest sein wie ein Fels, unverrückbar, ewig gleich. Und das stimmt: Gott bleibt treu, seine Liebe hört nie auf. Aber Gott ist nicht starr. Er ist lebendig. Sein Wesen zeigt sich darin, dass er handelt, dass er schafft, dass er neu macht. Er geht mit uns durch die Zeit. Er ist nicht nur der Gott unserer Vergangenheit, sondern auch der Gott unserer Zukunft.
Darum können wir getrost hören, was die Jahreslosung verheißt: Siehe, ich mache alles neu. Dieses Neue ist bei näherem Hinsehen kein Bruch mit dem, was uns lieb war. Es ist vielmehr die Erfüllung, die Vollendung all dessen. Es ist das Zeichen, dass Gott unser Leben immer wieder in eine gute Zukunft führt. Für uns heißt das: Wir dürfen vertrauen, dass wir bei Gott nicht festgehalten werden an dem, was war. Nicht an unseren Fehlern, nicht an unserer Schuld, auch nicht an unseren Sorgen. Wir dürfen mit ihm weitergehen, Schritt für Schritt, ins Neue hinein. Auf geheimnisvolle Weise bleibt darin das gute Alte, das Liebgewonnene bewahrt und wird zur Vollendung geführt.
Dr. Rainer Höfelschweiger, Pfr.
