„New Icons“ im Emmauszentrum

Viele bunte Bilder hängen an der Wand der Emmauskirche in Bad Griesbach.
Bildrechte Schnütgen

Sehr bunt geht es in der ökumenischen Emmauskirche in Bad Griesbach zu. An den Wänden hängen großformatige Bilder des inzwischen verstorbene Kwan-Mo Chung. Die sehenswerte Ausstellung des namhaften koreanischen Künstlers nennt sich „New Icons“ und ist noch bis Ende April zu sehen.  Kuratiert wurde die Ausstellung durch eine Galerie in Bad Griesbach in Zusammenarbeit mit Kurseelsorgerin Dr. Tatjana Schnütgen. Eine Auslegung der ausgestellten Werke von Pfarrerin Schnütgen befindet sich weiter unten.

Die Ausstellung wird mit am Sonntag, 19. April um 11 Uhr mit einer Finissage gebührend verabschiedet. Sie wird musikalisch durch Herrn KMD Ralf Albert Franz gestaltet. Ihr vorangestellt ist ein evangelischer Gottesdienst um 10 Uhr mit Pfarrerin Schnütgen.

Mehr zu Kwan-Mo Chung sind unter https://museumck.org/ zu finden.


Die Deutung von Kreuz und Auferstehung in den „New Icons“ von Kwan-Mo Chung

Dr. Tatjana K. Schnütgen, Pfarrerin

Der Titel der Ausstellung greift eine Tradition aus der Ostkirche auf – die Ikonenmalerei. Eine Ikone soll das Göttliche, die Trinität, Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen nicht einfach abbilden, sondern präsent machen. Viele Ikonen sind so gemalt, dass die Betrachter sich von ihnen gleichsam angesehen fühlen. Christus lädt zur Begegnung ein.

Gleichzeitig steht im Englischen das Wort Icon für minimalistische Motive, die eine Botschaft auf den ersten Blick vermitteln, durch ihre klare Form. Da das menschliche Gehirn Bilder besser verarbeiten kann als Texte, sind Icons wunderbare Botschafter. Unsere Sehgewohnheiten suchen die Umgebung nach Icons ab. Sie bieten Orientierung.

Die neuen Ikonen von Kwan-Mo Chung haben beides: eine starke Präsenz, die mich als Betrachterin anzieht, mich hineinzieht und meine Neugierde weckt. Die Motive sind einfach. Ebenso wie oft bei orthodoxen Ikonen steht Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene im Mittelpunkt.

Die Präsenz kommt nicht nur durch die einfachen Formen zustande, sondern auch durch die kräftigen, klaren Farben. In unserer Emmaus-Kirche entsteht ein Dialog mit den Farben der Apsis, dem Kunstwerk von Oscar Koller. Mir geht es so, dass ich das auch als Einladung zum Perspektivwechsel sehe. Von den Bänken aus sehen wir die Farben in der Apsis. Wenn Sie sich in die Apsis begeben, dann sehen Sie die neuen Ikonen. Koller und Chung, beide bleiben am Thema dieser Kirche. Der Auferstandene begegnet und macht lebendig.

Kreuz und Auferstehung erscheinen in den neuen Gemälden anders als gewohnt. Das Kreuz: es findet sich wie vervielfacht auf den quadratischen Tafeln. Vierseitige, vielseitige Kreuzesdarstellungen sehe ich, in einer Vielfalt von Farben. Alle Kreuzesformen gibt es wirklich. Jede trägt eine besondere Bedeutung für eine bestimmte Gruppe von Christen auf dem Erdkreis. Unterschiedliche Traditionen werden aufgegriffen, ich sehe ein keltisches Kreuz. Dimensionen des Christseins kommen vor – da ist das Kreuz des Weltgebetstags: Eine Erinnerung an die weltumspannende Gottesdienstökumene und Fürbittengemeinschaft. Das Kronenkreuz der Diakonie sehe ich und denke an die tätige Nächstenliebe, die alle Christen weltweit verbindet. In den Kreuzestafeln finde ich das Herz des Kurseelsorgezentrums wieder: Ökumene als Einheit in der Vielfalt.

Der Blick auf das Kreuz spielt in der lutherischen und katholischen Prägung des Glaubens eine wichtige Rolle. Hier sehen wir nicht das eine Kreuz, sehen kein Kruzifix, sondern sehen die vielen Kreuze und können dahinter die Menschen erahnen, die in ihrer Tradition auf gerade dieses Kreuz blicken.

Auch in unserer Kirche haben wir über dem Altar ein ungewöhnliches Kreuz. In ihm sehen wir zugleich den Auferstandenen, der seine Jünger und die heutigen Menschen begleitet. Wenn das eigene Auge gegen den leidenden Jesus mit der Dornenkrone schon immun geworden ist, hilft eine neue Form von Kreuz, um wieder bewusst hinzuschauen, mit Interesse.

Die Osterbilder sind in ihrer Ausstrahlung ganz klar. Gleichzeitig müssen sie verhüllen, was nicht abbildbar ist. Bei mir kommt die Dynamik des Ostergeschehens an, die Farbe neben den Schwarz-Weiß-Bildern, auf denen ich die geschundene Erde sehe. Ostern ist hier farbig, präsent und einprägsam wie ein Verkehrsschild.

Einige Motive wiederholen sich. Berührt dies unangenehm? Vielleicht kommt eine Erinnerung auf, an die Welt außerhalb der Kirche, das allgegenwärtige Angebot gleichförmiger Produkte, der Konsum. Die Kirche soll doch ein Raum sein für das Einzigartige, nicht Nachmachbare. Wieso wecken diese Unikate (Acrylfarbe auf Leinwand) den Anschein der Wiederholung? Meine Idee dazu ist, dass die scheinbare Wiederholung die Genauigkeit der Wahrnehmung weckt. Was mir in der Welt begegnet, lohnt ebenso den zweiten genauen Blick. Vielleicht finde ich dann nicht nur die Replikationen, sondern stoße auf Unikate.

Die Vervielfältigung der Botschaft hat für mich auch etwas mit dem Evangelium zu tun. Das Evangelium kommt in unsere Welt, vielfach, in vielen Traditionen. Kreuz und Auferstehung kommen uns einfach, klar, und farbig entgegen. Wir sollen und können es einfach, klar und farbig weitergeben. Und, so denke ich, die Bilder machen im Verbund mit dem, was hier in der Kirche geschieht einen Raum auf für einen lebenszugewandten Zugang zum Glauben, für einen Anfang und ein Weitergehen mit Gott.