Die Frühjahrstagung der Dekanatssynode des evangelischen Dekanatsbezirks Passau wird „keine Sitzveranstaltung“ werden. Mit diesen Worten begrüßten die beiden Moderator:innen Maike Ritzer und Carsten Lenk die 66 Synodal:innen am Samstag, 25. April in der Turnhalle der Evangelischen Realschule Ortenburg. Ziel war es, miteinander ins intensive Gespräch zu kommen. Das erforderte Bewegung. In Arbeitsgruppen wurde weitergedacht, weiterdiskutiert und mit Legosteinen kreativ an der Zukunft des Dekanatsbezirks gearbeitet. Im Mittelpunkt stand das Thema Regionalisierung. Das Foto zeigt eine Orgel aus Legosteinen: Wer wollte konnte das Thema „Schätze in Gemeinde und Region“ auch spielerisch angehen.
„Veränderung ist Wesensbestandteil von Kirche“ betonte Dekan Jochen Wilde bei der Vorstellung seines Berichts. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern befinde sich mitten in einer Transformation auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Der Mitgliederschwund, die sinkenden finanziellen Möglichkeiten und ein sich abzeichnender Personalmangel erzwingen Veränderungen. Die Stichworte hierfür sind Gebäudebedarfsplanung, Fusion von Dekanatsbezirken, Verwaltungsreform, Landesstellenplanung und Bildung von Regionalgemeinden. Die bisher kleinteilige Struktur soll durch eine regio-lokale Struktur abgelöst werden, im „Sinne kirchengemeindlicher Selbstverwaltung und verbunden mit den Vorteilen eines Zusammenwirkens in Gemeinschaft: Eine für alle – alle für einen“. Das Ziel der Transformation muss es sein, dass die evangelische Kirche weiterhin ihrem Kernauftrag gerecht werden kann: „Der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.“
Dekan Jochen Wilde stellt sich den Fragen der Synodal:innen bei der Dekanatssynode in der Turnhalle der Evangelischen Realschule Ortenburg.
Bei der Synodaltagung in Ortenburg wurde ein besonderes Augenmerk auf die Bildung von Regionalgemeinden gelegt. In Erwägung gezogen wird die Zusammenlegung der 16 evangelischen Kirchengemeinden des Dekanatsbezirks zu drei Regionalgemeinden gemäß den Vorgaben der Landeskirche. Das Thema entfachte eine lebhafte Grundsatzdiskussion. Deshalb entschloss sich die Tagungsleitung spontan dieser Diskussion mehr Raum zu gegeben.
Mithilfe der Fishbowl-Methode hatten die Synodal:innen die Möglichkeite ihre Bedenken zu äußern, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, aber auch die Chancen einer Regionalisierung zu benennen. „Ist die Schaffung von Regionalgemeinden zielführend?“, „Wir schaffen uns gerade ab.“, „Sind wir bereit Dinge loszulassen?“, „Es braucht Raum für Trauer.“, „Die Nähe zu den Menschen muss weiterhin möglich sein.“, „Ich sehe, dass es anderswo funktioniert hat.“, „Bei Vakanzvertretungen wird Regionalisierung schon praktiziert.“, „Ich freue mich auf die dann mögliche Zusammenarbeit.“, „Veränderungen müssen nicht der Untergang der Kirche sein.“
Was sind unsere Schätze oder welche Bedenken haben wir zum Thema Regionalgemeinde? Gruppenarbeit hielt die Synodal:innen in der Turnhalle der Evangelischen Realschule Ortenburg in Bewegung.
Was sind unsere Schätze? Am Nachmittag wurde dieser Frage in drei Regionalgruppen nachgegangen. Dabei kam erstaunlich viel zutage. Es wurde deutlich, wie vielfältig die Angebote in den Kirchengemeinden sind und welche regionale Zusammenarbeit es bereits gibt. Mit dieser Gruppenarbeit wurde aber auch klar, „wie erschreckend wenig Kirchengemeinden voneinander wissen“, ergänzte Moderator Dr. Carsten Lenk.
In einem Impulsreferat stellte Moderatorin Maike Ritzer grundlegende Gedanken zum Aufblühen in Zeiten schrumpfender Gemeinden auch ohne eigene Ortspfarrer:in oder eigenes Gebäude vor. „Die Pfarrstelle ist nicht der rechtfertigende Grund, warum es eine Gemeinde geben darf.“ Aufblühende Gemeinden investieren in Beziehung nach oben „im Gebet, in Liedern, in der Stille, in der Kontemplation“, nach innen durch „beieinanderbleiben, ertragen und vergeben“, nach außen, indem sie einladen und hinausgehen, nach unten in die Breite, in der partnerschaftlichen Verwurzelung mit den Nachbargemeinden und in der Ökumene. Dies bedeute auch den Abschied vom Vollprogramm. Maike Ritzer fasste zusammen: „Es wird bunter, komplizierter, geradezu unordentlich. Aber das sind blühende Bäume auch und trotzdem oder deswegen schön."
Souverän führten die Moderator:innen Maike Ritzer (li) und Dr. Carsten Lenk (re) durch die Tagung der Dekanatssynode.
Die neue Landessynodale Isolde Ulbig aus Kirchdorf am Inn, die die Interessen des Dekanatsbezirks Passau in der Landessynode vertritt, berichtete zum Ende der Dekanatssynode von der konstituierenden Sitzung der Landessynode Ende März. Es sei für sie eine besondere Ehre gewesen, dass sie die Tagung in Bayreuth als Alterspräsidentin eröffnen durfte. Ihren Synodenkolleg:innen sei allen bewusst, dass der evangelischen Kirche in Bayern Umbrüche und Neuerungen bevorstünden. „Trauen wir uns loszulassen.“ Außerdem kündigte sie an, alle 16 Kirchengemeinden des Dekanatsbezirks besuchen zu wollen, um die Anliegen der Diaspora im bayerischen Kirchenparlament besser vertreten zu können.
Mit einem Reisesegen beendete Dekan Jochen Wilde die Dekanatssynode in der Turnhalle der Evangelischen Realschule. Sein Fazit: „So wie heute stelle ich mir Kirche vor: sich gegenseitig wahrnehmend, Trauer zulassend und gestärkt nach vorne gehend.“
Text und Fotos: Hubert Mauch
