Premiere der neuen Erlebnisführungen zur Glaubensmigration in der evangelischen Gemeinde Ortenburg. Die Führung durch den Markt ist eine „Special Edition“ zum 400-jährigen Jubiläum und trägt den Titel „Von Flucht und Zuflucht“. Sie verläuft über sieben Stationen, in die vier erlebnisreiche historische Schauspielszenen eingebettet sind, und ist eine knapp zweistündige Zeitreise.
Inge Schlögl läuft es kalt über den Rücken, wie sie bekennt. Den Zuschauer:innen ergeht es bei der Premiere am Sonntag, 26. April nicht anders, als die Erlebnisführerin aus einem Brief einer Frau aus dem 18. Jahrhundert zitiert. Diese pilgerte aus dem katholischen Oberösterreich nach Ortenburg, um endlich einmal einen evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl erleben zu dürfen und schrieb an ihre Bekannte: „Geh auf Ortenburg, dort bekömmst du die besten Dienste, kannst deinem Gott in Wahrheit dienen, deine Seligkeit finden und wird dir recht gut gehen, wirst glauben du bist im Himmel“.
Seit 1600 verließen fast 200 Jahre lang Menschen Österreich, die im Herzen evangelisch waren, aber unter Zwang katholisch l werden sollten. Allein 100.000 Menschen verließen Oberösterreich für immer. Die erste Station dieser Exulanten war oft Ortenburg, bevor sie weiterzogen nach Regensburg, Nürnberg, Schwaben, oder Franken. Ab Ostern 1626 kamen aber immer wieder viele Exulanten nach Ortenburg, die hier dauerhaft Zuflucht fanden. Im Laufe vieler Jahrzehnte sind dadurch die Ortsteile Vorder- und Hinterhainberg entstanden.
Jene, die nicht ausreisen konnten, lebten von da an ihren Glauben im Geheimen und pilgerten möglichst einmal im Jahr nach Ortenburg. Wer dabei erwischt wurde, landete im Gefängnis oder wurde nach Siebenbürgen deportiert - damals eine Wildnis. Die Kinder landeten im Konversionshaus, ihre Eltern sahen sie nie wieder. Erst 1781 duldete Kaiser Joseph II. wieder, dass man in Österreich evangelisch sein durfte. Um die Zeit davor und die Schicksale der Exulanten rankt sich die Erlebnisführung „Von Flucht und Zuflucht“.
Gelegentlich wurden auch die Zuschauer ins Spiel miteinbezogen.
Die Schauspieler:innen Marie Brunner, Sergej Gorgos, Jessica Schobesberger und Elisabeth Kössinger-Vordermaier setzen Geschichte dabei humorvoll, lebendig und mit viel Spielfreude in Szene. Dazwischen präsentieren im Wechsel die beiden Erlebnisführerinnen Petra Öller und Inge Schlögl mit viel Engagement die historischen Fakten in überzeugender Weise. Seit Januar haben die sechs ehrenamtlichen Akteur:innen, ein wenig unterstützt durch den Theaterpädagogen Hubertus Hinse aus Regensburg, neue Spielszenen entwickelt und intensiv geprobt. Die Originalgewänder wurden von der Kunsthistorikerin Dr. Hildegund Bemmann entworfen und von Hand genäht.
Die Führung beginnt vor der Marktkirche mit einer Einführung in die historischen Gegebenheiten des Jahres 1563. Es wird erzählt, wie sich der junge Graf Joachim in seine Ursula verliebt, die beiden heiraten und welche Begeisterung der befreiende lutherische Glaube unter der Bevölkerung auslöste. Die erste Spielszene handelt deshalb auch von der handfesten Gräfin Ursula, wie sie die Besatzungssoldaten des katholischen Herzogs vor die Tür setzt.
Erlebnisführerin Inge Schlögl zeigt ein „hoamliches Geläut“ mit der sich die Geheimprotestanten erkannten und codierte Informationen weitergaben. Ein Original befindet sich im Evangelischen Museum in Rutzenmoos am Attersee.
Mit dem Beginn der Rekatholisierung im Jahr 1626 setzte eine Migrationswelle von Protestanten aus den Landen ob der Enns ein. Rund 80 Prozent der Bevölkerung Oberösterreichs waren damals evangelisch. Die Zeit des Geheimprotestantismus, des Pilgerns und der massenhaften Ausreise nach Ortenburg begann. In der zweiten Spielszene treffen eine „Pilgerin“ und ein Bibelschmuggler aufeinander. Am „hoamlichen Geläut“ erkennen sie sich als Glaubensbrüder und -schwestern.
Johann Roithner wird wegen seines evangelischen Glaubens verhört und zwei Wochen später deportiert.
In der dritten Spielszene vor der Evangelischen Realschule wird die Vernehmung des Geheimprotestanten Johann Roithner eindrucksvoll dargestellt. Grundlage für diese Szene war das Verhörprotokoll aus dem Jahr 1752. Zwei Wochen später wurden er und seine Frau nach Siebenbürgen deportiert – zu Fuß, versteht sich.
Einen humorvollen Abschluss findet die Erlebnisführung „Von Flucht und Zuflucht“ in der etwas makabren Szene vom „eingesessenen Grafen“. Er sitzt seit 13 Jahren schon tot und einbalsamiert auf einem Stuhl und wartet auf seine Beerdigung in der Gruft der katholischen Ortenburger Grafen im Passauer Dom. Das Kammermädchen entstaubt ihn für den Abtransport. In ihrer Fantasie wird der tote Graf wieder lebendig und erzählt ihr sein Schicksal.
(v.l.n.r.) Petra Öller, Marie Brunner, Elisabeth Vordermaier (sitzend), Jessica Schobesberger, Inge Schlögl und Sergej Gorgos lassen in Ortenburg Geschichte lebendig werden.
Das Team Erlebnisführung der evangelischen Gemeinde vermittelt Ortenburger Geschichte und menschliche Schicksale mit viel Herzblut und Humor. Pfarrerin Sabine Hofer und die rund 40 Zuschauer bedankten sich mit kräftigem Applaus.
Die nächsten Erlebnisführungen finden statt: Sonntag, 14. Juni, 26. Juli, 27. September und 11. Oktober, jeweils um 15 Uhr sowie nach Vereinbarung. Der Eintritt kostet 10 Euro. Buchungen sind bei Inge Schlögl (Tel. 08542/1413) möglich.
Am Sonntag, 10. Mai startet um 15 Uhr eine exklusive Sonderführung in der Ortenburger Marktkirche, bei der Gräfin Amalia Regina höchstpersönlich aus dem Nähkästchen plaudert. Sie verrät Intimstes über ihre Vorfahren und Familienmitglieder, berichtet von spannenden historischen Ereignissen vergangener Jahrhunderte und erzählt die wechselvolle Geschichte der Marktkirche. Der Eintritt kostet 5 Euro.
Text: Hubert Mauch, Fotos: Ingomar Reimer/Hubert Mauch
