Vor der Marktkirche empfängt die Gräfin die Besucher und bittet sie in ihre Marktkirche einzutreten, bevor sie aus dem Nähkästchen des Ortenburger Grafengeschlechts plaudert.
Die Verwandlung beginnt mit dem Anziehen des vielschichtigen, drei Kilogramm schweren Gewands. Dann wird aus Elisabeth Kössinger-Vordermaier die Ortenburger Gräfin Amalia Regina. Das originalgetreue Gewand wurde von der Kunsthistorikerin Dr. Gundula Bemmann wie im 17. Jahrhundert üblich von Hand gefertigt – Nähmaschinen gab es schließlich noch nicht. Allerdings ist das barocke Gewand einer Gräfin aus europäischem Hochadel nicht besonders bequem. Es war eine „kleine Herausforderung“, mit dem Auto am Sonntag, dem 10. Mai, zur Premiere in die Ortenburger Marktkirche zu kommen, schmunzelt die Darstellerin.
Vor rund 300 Jahren wurde die Gräfin jedoch weit mehr herausgefordert. Ihr Mann starb, ihr Sohn war noch minderjährig und sie musste aus dem Stand regieren. In den nur vier Jahren ihrer Regentschaft von 1702 bis 1706 bewies die glaubensfeste Protestantin Klugheit, Weitsicht und Durchsetzungsfähigkeit. Ihre wohl bedeutendste Errungenschaft war die Erstellung einer Schulordnung und die Einführung der Schulpflicht - 99 Jahre vor Bayern. Der evangelischen Marktkirche gab sie ihr heutiges Gesicht.
Natürlich ist es gräfliche Höflichkeit, wenn Amalia Regina, alias Elisabeth Kössinger-Vordermaier, vor das Kirchenportal der evangelischen Marktkirche in Ortenburg tritt, sich über die Vielzahl der Besucher freut und sie skeptisch fragt: „Was ist denn euer Begehr?“ Die 25 Besucher und ein Filmteam des Bayerischen Fernsehens waren gekommen, um bei der Sonderführung Gräfin Amalia Regina höchstpersönlich zu lauschen. Aber nur 25 Besucher – zu Zeiten ihrer Regentschaft und auch davor war das evangelische Gotteshaus immer brechend voll. Die Menschen kamen aus der katholischen Umgebung und aus Oberösterreich. Schon seit der Reformation lechzten sie nach Predigt, Abendmahl und evangelischer Freiheit.
Kunsthistorisch setzte die Darstellung des liegenden Grafen Antons 1573 Maßstäbe.
Selbstredend gefiel das den Herrschern drumherum nicht, allen voran den bayerischen Herzögen und den Passauer Fürstbischöfen. Schikanierung, Boykott, Blockade und Besetzung prägten die Geschichte des niederbayerischen Marktes. Die Ortenburger blieben standhaft und die Grafen waren ruiniert. Die hoch angesehene Grafschaft schrumpfte im Laufe der Jahrhunderte, aber sie überlebte durch Geschick, Weitsicht und gräflicher Kompromissbereitschaft.
In der Marktkirche erzählt Amalie in gräflich angemessener, aber dennoch lockerer Weise entlang ihrer Familiengeschichte von Schicksalsschlägen, wie dem Tod des 23-jährigen Grafen Anton 1573, von der Bedeutung der Hochgräber im Altarraum, der überfüllten Gruft unter den Füßen der Besucher, der wechselvollen Geschichte der Marktkirche, sowie der makabren Begebenheit vom einbalsamierten Grafen.
Ein Filmteam des Bayerischen Fernsehen dreht einen Beitrag von der Premiere der Erlebnisführung für die Sendung „Unter unserem Himmel“
Die Idee zu dieser besonderen Erlebnisführung entstand schon vor eineinhalb Jahren, erzählt Elisabeth Kössinger-Vordermaier. Immer wieder fragten Personen, die nicht ganz so gut zu Fuß sind und deshalb an den sonst üblichen Erlebnisführungen durch den Markt nicht teilnehmen konnten nach einer Alternative. Die gibt es jetzt. Sie ist barrierefrei, witterungsunabhängig und spannend. Die nächsten Führungen mit Gräfin Amalia Regina durch die Ortenburger Marktkirche finden am 9. August und am 20. September um 15 Uhr statt. Weitere Termine können unter der Telefonnummer 0852 2881 individuell vereinbart werden.
Text und Fotos: Hubert Mauch
