Wenn ein Protestant, ein Katholik und ein Freikirchler gemeinsam durch eine italienische Landschaft pilgern, ist das gelebte Ökumene. Meinungsverschiedenheiten bleiben dabei nicht aus – umso bemerkenswerter ist, wie es den drei Autoren aus Niederbayern gelingt, Unterschiede anzuerkennen, ohne die Gemeinsamkeiten aus dem Blick zu verlieren. So entsteht ein freundschaftlicher, respektvoller Austausch zwischen den Konfessionen, der Verständnis schafft und zum Nachahmen einlädt. Ihre tiefen Erlebnisse auf dem Franziskusweg haben Alfred Haller, Richard Stieglbauer und Peter Wolfrum in einem Buch zusammengefasst. Es wird zusammen mit Altbischof Heinrich Bedford-Strohm am 31. Januar in Pfarrkirchen präsentiert. (Mehr dazu am Ende des Artikels)
Fred Haller, geboren 1967, lebt in Eggenfelden und arbeitet als Qualitätsspezialist in einem großen Automobilkonzern. Er ist Mitglied des Leitungsteams einer freikirchlichen Christengemeinde und leitet einen Bibelkreis. Als Autor historischer Romane vermittelt er das Evangelium in erzählerischer Form.
Richard Stieglbauer (1969) aus Anzenkirchen ist Technischer Angestellter in einem Fensterbaubetrieb. Er ist katholischer Lektor, leitet einen konfessionsübergreifenden Bibelkreis, gehört dem 3. Franziskanischen Orden an und ist ausgebildeter Hospizbegleiter.
Peter Wolfrum (1956) aus Pfarrkirchen war als Physikingenieur im technischen Umweltschutz tätig. Ehrenamtlich engagiert er sich in seiner evangelisch-lutherischen Gemeinde als Prädikant und Vertrauensmann sowie als Leiter überkonfessioneller Gruppen (meditatives Beten, regionales Pilgern, Bibliolog).
Gemeinsam begeben sich die drei Männer auf den Franziskusweg. Sie gehen den Abschnitt von Gubbio über Assisi bis Spoleto: sechs Etappen, ein Ruhetag in Assisi, rund 110 Kilometer. „Stehenlassen und weitergehen“ erzählt von dieser Pilgerreise, von der Suche nach Gott, vom Zusammenwachsen der Freunde und von ihren unterschiedlichen Antworten auf zentrale Fragen des christlichen Glaubens. Die Autoren betonen, keine Franziskus-Experten und keine Theologen zu sein. „Uns erfüllt der christliche Glaube und es hat uns gereizt, unsere Erlebnisse und Glaubenserfahrungen zu teilen.“ Wichtig ist ihnen dabei, dass sie persönliche Positionen darstellen und keinen allgemeinen Wahrheitsanspruch erheben. Die letzte Wahrheit liege allein bei Gott – ganz im Sinne von „stehenlassen und weitergehen“.
Heinrich Bedford-Strohm, ehemaliger Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, schreibt im Vorwort: „In dem Buch gehen wir Leserinnen und Leser den Weg mit. Nehmen teil an ihren Beobachtungen, an ihren Gedanken, an ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen, aber eben auch an ihrer Weggemeinschaft, die stärker ist als die Unterschiede in ihrem Glauben und ihrer Frömmigkeit.“
Das Buch berührt viele zentrale Themen gläubiger Existenz: Gebet, Umgang mit Besitz, Eucharistie- und Abendmahlsverständnis, die Bedeutung Mariens, die Frage nach Leid und Krankheit, Tod und Auferstehung, die Zehn Gebote und die Kraft der Bilder. Auch die Kirche selbst und die Hindernisse auf dem Weg zur Einheit der Konfessionen kommen zur Sprache. Peter sagt: „Ich finde es schade, wenn Rituale und Regeln sich in ihrer Bedeutung so stark auswachsen, dass sie den Blick auf Jesus verstellen und zum Selbstzweck verkommen.“ Richard ergänzt: „Menschen aus anderen Konfessionen sind für mich eine Bereicherung. Deren Glaubensleben, Rituale und Ansichten zeigen mir oftmals einen anderen Blickwinkel und lassen mich bestimmte Themen in einem neuen Licht betrachten.“ Für Fred steht fest: „Die Kirche, das sind die ernsthaften Nachfolger Jesu, ganz egal welchem christlichen ‚Stall‘ sie angehören.“
Bedford-Strohm schätzt besonders, dass das Buch nicht von Theologen, sondern von engagierten Christen geschrieben wurde: „Vielleicht erreicht es genau dadurch Menschen, die die gleichen Fragen haben wie die Autoren.“
Br. Thomas Freidel, Franziskaner-Minorit aus Assisi, sieht die treibende Kraft der Reise in der Sehnsucht: „Die Sehnsucht nach einem Leben, das mehr ist, als das, was uns jeden Tag begegnet und beschäftigt. Man kann es auch die Sehnsucht nach Gott nennen, mit allen Fragen und Gedanken, die sich mit diesem Wort verbinden.“ Beeindruckend sei die Vielfalt der Glaubenswege in ihrer Gemeinsamkeit und Verschiedenheit. „Alle drei bezeugen auf ihre Weise, dass es sich lohnt, dranzubleiben an den Fragen des Lebens und des Glaubens, bei denen es keine vorschnellen Antworten gibt.“ Franz von Assisi weise diesen Weg „als Begleiter und Anknüpfungsperson, ja, als eine Art Sehnsuchtsgestalt“.
In franziskanischer Tradition nimmt das Gebet – insbesondere das Vaterunser – einen zentralen Platz ein. Immer wieder setzen sich die Autoren mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der christlichen Bekenntnisse auseinander. Dies geschieht respektvoll, tolerant und ohne Polemik – Ausdruck eines gereiften Glaubens, der sich nicht durch Abgrenzung definiert. Auf der gemeinsamen Basis des Christseins entfaltet sich ein fruchtbarer Austausch über Bibelverständnis, Besitz und Macht, Eucharistie und Abendmahl, Leid, Heilung und die Auseinandersetzung mit dem Tod.
Am Ende ziehen die drei Männer persönliche Bilanz. Fred schreibt: „Gott die Ehre zu geben, beginnt nicht mit Worten, sondern im Sein vor ihm. Innehalten. Still werden. Im Herzen sagen: ,Abba, hier bin ich.‘ Nicht mehr. Nicht weniger.“
Peter berichtet von einer Vertiefung seines Glaubens: „Jedenfalls bin ich dankbar für die Vertiefung des Glaubens, die ich erfahren durfte und ich bin gespannt, wie die Pilgerreise, die ja mit diesem Buch eine Fortsetzung findet, meinen Glauben und mein Tun in unserer heutigen Lebensrealität weiterhin beeinflusst und fördert.“
Richard beschreibt, wie das Gehen in der Abgeschiedenheit sein Verhältnis zur Schöpfung vertieft hat: „Ich kann die Herrlichkeit Gottes in allem um mich herum entdecken … Bei allem aber gilt: Der Wille Gottes geschehe und nicht der meine.“
Zum Schluss noch einmal Br. Thomas Freidel: „Auch wenn die gemeinsamen Tage in Umbrien irgendwann Vergangenheit sein werden, der Pilgerweg, der Sehnsuchtsweg des Lebens ist noch lange nicht zu Ende. So gilt der Pilgergruß ,Buon Cammino!‘ nicht nur den drei Autoren, sondern allen, die sich mit ihnen auf den Weg machen.“
Text: Wolfgang Krinninger/Bistumsblatt, Fotos: privat
„Stehenlassen und weitergehen“
Buchpräsentation in Pfarrkirchen mit dem Vorsitzenden des Weltkirchenrates Altbischof Heinrich Bedford-Strohm
Die drei Freunde Alfred Haller aus Eggenfelden, Richard Stieglbauer aus Anzenkirchen und Peter Wolfrum aus Pfarrkirchen sind im Mai 2024 auf dem Franziskusweg in Italien von Gubbio bis Assisi und dann noch bis Spoleto gepilgert und haben ihre Gedanken und Erlebnisse in einem kurzweiligen, gut lesbaren Buch zusammengefasst. Am Samstag, 31. Januar, um 15 Uhr stellen sie es im Hans-Reiffenstuelhaus in Pfarrkirchen vor.
Als besonderer Gast mit dabei ist der ehemalige bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, der für das Buch ein Vorwort verfasst hat und auch kurz über die Ökumene referieren wird.
Das Buch „Stehenlassen und weitergehen“ erscheint am 30. Januar in der Edition Chrismon. Es hat 180 Seiten und kostet 18 Euro.
